Predigt über 5 Mose 7,6-11 gehalten von Pfr. Dr. theol. Stefan Bauer in der Matthäuskirche Landau am 5.7.2026
5 Mose 7,6-11
6 Denn du bist ein heiliges Volk dem HERRN, deinem Gott. Dich hat der HERR, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind. 7 Nicht hat euch der HERR angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern –, 8 sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat. Darum hat der HERR euch herausgeführt mit mächtiger Hand und hat dich erlöst von der Knechtschaft, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten. 9 So sollst du nun wissen, dass der HERR, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten, 10 und vergilt ins Angesicht denen, die ihn hassen, und bringt sie um und säumt nicht, zu vergelten ins Angesicht denen, die ihn hassen. 11 So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust.
Liebe Gemeinde,
immer Fußball ist auch nichts. Dieses Jahr wird ja noch in zwei Bundesländern gewählt werden. Deshalb habe ich mir die hervorragende Doku Berlin 1933 auf Arte angeschaut. Besser als Fußball!
Die Doku besteht nur aus Tagebucheintragungen und Briefen verschiedener Menschen aus Berlin aus diesem Jahr 1933. Von der jüdischen Fabrikantin über die jüdische Ärztin, zu einem Arzt, der im Verlauf des Jahres Parteimitglied und SA-Arzt wird. Von Carl von Ossietzky, der inhaftiert und gefoltert wird bis zu Josef Goebbels ungefilterten, unverschämten Feixereien, wenn er notiert, wie reibungslos die Machtergreifung innerhalb eines Jahres funktionierte.
Im Januar wurde Hitler durch Hindenburg zum Reichskanzler einer Regierungskoalition ernannt. Am Jahresende gab es keine anderen Parteien mehr. Die Zentrumsleute, die nach dem Konkordat mit dem Vatikan endgültig zur Blockpartei wurden, waren am Ende ausgeschaltet. SPD-Leute waren inhaftiert. Kommunisten waren schon nach dem Reichstagsbrand gehetzt und in die Folterkeller geworfen worden. Der Boykott der jüdischen Geschäfte war ein Selbstläufer, nachdem die SA die einzige Macht auf den Straßen und die Polizei gleichgeschaltet war. Innerhalb dieses Jahres wurden die Gewerkschaften entmachtet, das hatte man den großen Firmen versprochen. Die Wirtschaftsbosse finanzierten im Gegenzug Hitlers Wahlkampf. Und dann wurde die Wissenschaft auf Kurs gebracht und man begann mit der „Säuberung“ der Behörden. Das war durch das Ermächtigungsgesetz möglich geworden.
Und die Menschen saßen zuhause an ihren nagelneuen Volksempfänger-Radios, fasziniert und eingeschüchtert.
Ein einziges Jahr hat gereicht, eine Demokratie in einen autoritären Führerstaat zu verwandeln und die Menschenrechte auszuhebeln, Hetzjagd auf Gegner und Sündenböcke zu machen.
Und die Menge jubelte dem allem zu auf dem Nürnberger Parteitag, auf Sportfesten und bei der Kundgebung zum 1. „Deutschen Tag der Arbeit“.
Ich entschuldige mich für die Geschichtsstunde. Mir stellten sich die Nackenhaare als ich die Auftritte der Görings und Goebbels mit der heutigen Politiksprache vor allem der AfD abglich. Aber auch mit dem Gröhlen neulich im EU-Parlament nach der Beschneidung der Menschenrechte gegenüber Migranten: „Send them back!“ gröhlten und johlten die Rechtsaußen-Fraktionen.
Papst Leo setzte gestern auf Lampedusa ein starkes Zeichen in der Sache.
Ich erschauere, wenn ich höre, dass Hilfe-Empfänger, wenn auch nicht mit dem Nazi-Begriff „asozial“ betitelt aber doch in die Ecke gestellt werden. Regierungen, die sich von rechts außen hetzen und treiben lassen…
Ich erschauere, wenn arbeitenden Menschen Faulheit unterstellt wird in so zynischen Begriffen, wie Lifestyle-Teilzeit, wie man jetzt sogar mal wieder ansetzt, den 8-Stunden-Tag auszuhebeln.
Wie komme ich auf dieses Thema? Was hat das damit zu tun, dass wir Gottesdienst feiern? Wenn die Gewalt gegen Minderheiten aufbricht, wenn sich das Recht des Stärkeren durchsetzt, dann ist das das Gegenteil von Gottesdienst.
Ich sehe in den Agitatoren des Hasses Menschen, die nichts mehr über sich anerkennen. Menschen, die sich selbst zu Herren über Leben und Tod aufschwingen.
Gott ist verschwunden in den Köpfen dieser Menschen. Sie lästern ihn, wenn sie Geschöpf und Schöpfung quälen und sich selbst überhöhen.
Gottesdienst aber ist die Feier Gottes. Wir kommen, um zu danken. Wir kommen, um uns ansprechen und zurechtbringen zu lassen von einem Höheren her, das wir in den Worten der Bibel aufspüren. Wir kommen, um Jesus Christus in die Mitte zu stellen als den einzigen möglichen Seelen-Führer.
Und der heutige Text aus dem 5. Buch Mose, bringt uns an den Ursprung dieses Gottesglaubens. Dieses biblische Buch, das auch Deuteronomium – zweites Gesetz heißt, führt uns an die Quelle von Israels und damit von unserem Gottesglauben.
Gott wird hier erstmals in der Menschheitsgeschichte als der Setzer des Rechts gesehen.
Wir befinden uns in der Zeit der Assyrerherrschaft. Die Assyrer waren ein mächtiger Staat im alten Orient mit einem König an der Spitze. Und bis dahin war in der Geschichte immer der König der Setzer des Rechts. Er erließ die Gesetze, die in seinem Machtbereich gelten sollten. Die Gesetze, nach denen seine Untertanen leben sollten. Die Gesetze, bei deren Übertretung die Staatsmacht mit Gewalt und Vernichtung drohte.
Jetzt aber, im Deuteronomium, im 5. Buch Mose, wird erstmals Gott zum Urheber der Gesetze.
Wenn wir im Konfirmandenunterricht noch die 10 Gebote durchgenommen haben, dann denken wir natürlich sofort: Moment, es war doch schon auf der Flucht aus Ägypten als Mose am Berg Sinai die Gebote empfing.
Ja, diese Tradition bildet tatsächlich den erzählerischen Rahmen des 5. Buch Mose. Es soll nämlich Mose sein, der auf seinem Totenbett dem Volk die Gesetze noch einmal mitteilt.
Aber bedenken wir: In der Zeit Moses gab es noch gar keine Schriftproduktion. Erst mit der Entstehung des Königtums in Israel und Juda wurden überhaupt Texte verfasst. Das war hunderte von Jahren später, wie die Zeit, in der der Auszug aus Ägypten spielt.
Von daher sind die Exodus-Erzählungen Rückblicke auf eine lange zurückliegende Zeit. Und es sind Überformungen von Traditionen, die mündlich von verschiedenen Gruppen weitergegeben worden waren. Erst mit dem Königtum hat man sich daran gemacht, eine fortlaufende Geschichte daraus zu machen. – Das haben Könige so an sich, dass sie Geschichtsschreiber beschäftigen. Die sollen die Herrscher möglichst in gutem Licht dastehen lassen.
Jetzt passierte aber zur Zeit des Königs Josia etwas Neues. Josia war im 7. Jahrhundert vor Christus König in Juda und residierte in Jerusalem. Er baute Juda auf, indem er Flüchtlinge aufnahm und die benachbarten Stämme einte. So konnte er den Tempel ausbauen und den Gottesdienst stärken. Im Zug der Tempelrenovierung, so kann man in 2. Könige 23 nachlesen, sei das Gesetzbuch aufgetaucht.
In der frühen Bibelforschung, schon um 1815, hat man gemerkt, dass die Kult-Reformen des Königs Josia genau mit den Rechtssetzungen des 5. Buch Mose übereinstimmen.
Gott wurde also damals zum Garanten von Friede und Recht. Nicht mehr irgendein Großkönig oder Führer. Aber in der Form entspricht das Deuteronomium noch den Verträgen, die der assyrische König mit seinen Vasallen abschloss. Das hört man noch heraus, wenn da steht: Er säumt nicht, zu vergelten ins Angesicht – denen, die ihn hassen. Das ist noch die alte Herrschersprache.
Aber der Vertrag um den es hier geht, hat eine grundsätzlich andere Qualität: Der Herr hat euch nicht als sein Volk angenommen, weil ihr größer wärt als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern -, sondern weil er euch geliebt hat.
Der himmlische Herr ist also keiner, für den irdische Unterdrücker-Macht und Gewalt von Bedeutung wären. Der himmlische Gesetzgeber, gibt sein Gesetz aus Liebe.
Und das macht den Unterschied aus – ob ich gottlos auf die Liebe pfeife und mein scheinbares Recht mit Gewalt durchsetze. Wie es in allen autoritären Herrschaftsformen der Fall ist. Oder ob ich Gesetzen folge, die Gott aus Liebe gegeben hat, weil er die Menschen seines Bundes liebt und in letzter Konsequenz alle seine Geschöpfe.
Deshalb können Christen, die den Gott, der liebt, glauben, nicht als Hetzer und Bedränger auftreten. Im Gegenteil haben sie sich schützend auf die Seite der Opfer und der Schwachen im System zu stellen.
Das können wir immer wieder für unsere Zeit, für unsere bürgerliche Kultur, für unsere Welt der Leistung und des Konsums durchdeklinieren: Wie sähe Jesu Haltung heute aus? Vor wen würde er sich schützend stellen? Von welchen Gottlosigkeiten und menschenverachtenden Positionen würde er sich fernhalten?
Jesus gehört in unsere Mitte, wenn wir Gottesdienst feiern. Erinnern wir ihn als den, der sich lieber umbringen ließ, als das Spiel der Hetzer und Gewalttäter mitzuspielen.
Denn, wie hieß es im Evangelium? – Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.
Er ist bei uns. Jesus ist bei uns als eines der globalen Opfer, die unsere grenzenlose Wirtschafts- und Lebensweise überall auf der Erde hinterlässt. Jesus ist bei uns, mitten unter denen, die durch das Leistungsraster fallen. Mitten unter denen, die verachtet und verlacht werden ist er.
Noch ist vielleicht Zeit, zu verhindern, dass die Gewalt sich wieder aufschwingt, dass wieder Köpfe rollen, dass den Verächtern wieder massenhaft zugejubelt wird, dass die Gottlosigkeit die Macht ergreift. Noch können wir Gottesdienst feiern!
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

