Ostern – zugemutete Unfassbarkeit

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Liebe Gemeinde,
es ist das höchste Fest, das wir in diesen Tagen feiern, das Osterfest. – Vielleicht ist es nicht das schönste christliche Fest. Vielleicht ist Weihnachten schöner. Aber dass ein Mensch geboren ist, das ist an sich nichts Besonderes. Weihnachten, das ist ein schönes Fest für Kinder und Fa-milien. Erinnerung daran, dass auch unser Herr ein Kind war, als Mensch geboren, als Mensch erkannt. Jetzt haben wir am Karfreitag der traurigen Tatsache gedacht, dass er auch als Mensch gestorben ist. –
Aber wegen Weihnachten und wegen der Tatsache, dass Jesus ein Mensch war, hätten sich Menschen nicht zu Christus bekannt, wäre die Zeit der Kirche nicht angebrochen.
Obwohl es doch so eine Gnade gewesen sein muss, ihn zu seinen Lebzeiten gesehen, ihn gehört, ihn begleitet und berührt zu haben!

Was muss da von Jesus ausgegangen sein – alle Kraft, mit der Gott ihn ausgestattet hatte, damit die Menschen ihn, Gott, durch Christus endlich verstehen könnten.
Denn: Was alles hat Gott damit erreichen wollen, dass er in diesem besonderen Menschen Jesus Christus zur Welt kam?

  • Er wollte weiter sein Wort durch Menschen ausrichten lassen, durch Botinnen und Boten, Prophetinnen und Propheten. Aber dieses eine Mal sollte sein Wort selbst lebendig werden.
  • Gott wollte weiterhin als Schöpfer und Lenker begriffen werden. Geheimnisvoll und unendlich fern in seinem Himmel. Aber jetzt auch ganz nah, wie ein Freund.
  • Den Weg, sich seinem geliebten Volk Israel zu offenbaren, hat Gott nicht verlassen. Aber seine Liebe galt auch denen aus den anderen Völkern.

Und, auch wenn Jesus selbst zunächst vor allem innerjüdisch lehrte und heilte und wirkte, so können wir zurückblickend sagen, dass Gott durch ihn verstärkt sein Heil für alle Welt öffnete, damit auch die Nationen, die Welt, die von der klassischen Antike mit ihrem Götterhimmel herkam, damit alle von ihm erfahren konnten.

Christus lebte vor, wie sich Gott die Erfüllung seines Gesetzes vorstellte. In diesem Menschen machte er seinen Willen für uns sichtbar, hörbar, greifbar. In Jesus Christus hat sich Gott mit all seiner Barmherzigkeit den Menschen zugewandt, um sie aus ihren sinnlosen Spielchen um Macht, Reichtum und Ehre herauszureißen.Wegen Ostern sitzen wir also heute hier – und nicht nur heute. Wegen Ostern gibt es uns als christliche Kirchen – egal ob nach katholischer, orthodoxer, freikirchlicher oder landeskirchlicher Spielart: Es ist etwas aufgebrochen an Ostern. Gott hat ein unübersehbares Zeichen gesetzt ge-gen alle bösen Todesmächte und für das Leben aller seiner Kinder.

Indem er Jesus aus den Toten gerufen hat, sollten alle, die an ihn glauben zu neuer Freiheit finden:
Niemand soll seit Ostern mehr an der eigenen Unzulänglichkeit scheitern, denn Gott ist barmherzig, wie er es in Jesus und an Jesus gezeigt hat.
Niemand soll seit Ostern mehr sich von Ängsten fesseln und knebeln lassen, denn Gott befreit zwar nicht von jeder Angst und auch Jesus musste Angst und Gefühle von Verlassenheit durchmachen. Aber Gott hatte Jesus niemals verlassen, sondern sich seiner erbarmt, ihn aus dem Tod geholt und ihn zu seiner Rechten gesetzt und ihm die Fülle des ewigen Lebens geschenkt.
Und zuletzt: Niemand soll seit Ostern mehr Anderen Gewalt antun, ohne zu wissen, dass er dieselbe Gewalt auch Christus zufügt.

Ostern, liebe Gemeinde, hat für uns alles verändert. Mit Ostern, das glauben wir, ist das Morgenrot der neuen Welt Gottes angebrochen. Deshalb sind wir Christinnen und Christen Ostermenschen!
Wie aber kommt es dann, dass so viele Menschen mit Ostern als Fest gar nichts anfangen können. Wie kommt es, dass uns heute der Gedanke an die Auferstehung so schwer zu denken ist? Warum haben wir so viel Mühe mit Ostern?
Es liegt, meiner Meinung nach, genau daran, dass die Auferstehung so unbegreiflich ist. Wir können dieses Wunder mit unseren geistigen Kräften nicht erfassen. Es sperrt sich unserem gedanklichen Zugriff. – Ostern kann nur geglaubt werden!
Und das ist sicher auch der Grund, weshalb die Ostergeschichten des Neuen Testaments so unscharf und unbeholfen wirken.
Sie sind der unzulängliche Versuch, etwas Unfassbares in Worte zu fassen. – Die Ostergeschichten über die Begegnungen mit dem auferstandenen Jesus sind der Versuch, das zu beschreiben, was das Leben der Jüngerinnen und Jünger Jesu so völlig verstört und umgekrempelt hat, dass sie fortan nur noch von ihm sprechen konnten.

Hören wir eine dieser unzulänglichen Episoden. Sie ist uns heute als Predigttext aufgegeben und steht im Evangelium des Lukas, Kapitel 24, die Verse 36 bis 45.

36 Als sie, (gemeint sind Kleopas und der zweite Jünger, denen Jesus auf dem Weg nach Emmaus begegnet war), als sie zu den Anderen davon redeten, trat er selbst mit-ten unter sie und sprach zu ihnen: Friede sei mit euch! 37 Sie erschraken aber und fürchteten sich und meinten, sie sähen einen Geist. 38 Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so erschrocken, und warum kommen solche Gedanken in euer Herz? 39 Seht meine Hände und meine Füße, ich bin’s selber. Fasst mich an und seht; denn ein Geist hat nicht Fleisch und Knochen, wie ihr seht, dass ich sie habe. 40 Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen seine Hände und Füße. 41 Da sie es aber noch nicht glauben konnten vor Freude und sich verwunderten, sprach er zu ihnen: Habt ihr hier etwas zu essen? 42 Und sie legten ihm ein Stück gebratenen Fisch vor. 43 Und er nahm’s und aß vor ihnen. 44 Er sprach aber zu ihnen: Das sind meine Worte, die ich zu euch gesagt habe, als ich noch bei euch war: Es muss alles erfüllt werden, was von mir geschrieben steht im Gesetz des Mose und in den Propheten und Psalmen. 45 Da öffnete er ihnen das Verständnis, dass sie die Schrift verstanden,

Kanzelbitte
Im Journalismus, liebe Gemeinde, ist es so, dass der wich-tigste Satz am Anfang einer Meldung stehen muss. Im Lukas-Text steht das das Wichtigste am Schluss, denn da heißt es: „Da öffnete er ihnen das Verständnis, dass sie die Schrift verstanden.“

Aus Jesu Mund hören wir da, wie wir die Bibel lesen sollen. Und zwar so, dass wir sie stets mit Blick auf ihn, im Blick auf Jesus lesen.
Zu Ostern gehört das Thema Schriftauslegung deshalb dazu, weil viele Aussagen der Bibel durch die Auferstehung Jesu einen neuen Sinn bekommen haben. Worte der Propheten klingen jetzt ganz anders. Zum Beispiel, der Text der heutigen Schriftlesung, wo wir aus dem Buch Je-saja hörten: „Der Herr wird den Tod verschlingen auf ewig.“ (Jes 25,8, Lesungstext)
Durch die Auferstehung Jesu haben Menschen nun einen neuen Begriff davon, was dieser Satz bedeutet – über-haupt davon, was Ewiges Leben bedeutet.

Aber auch, wenn wir den Schriften vertrauen, den Zeugnissen über den Auferstandenen. Es bleibt dennoch schwierig, das vom Kopf her zu begreifen
Und so kommt mir auch der Lukas-Breicht von der Be-gegnung mit dem Auferstandenen in Jerusalem unbeholfen und unzureichend vor, das zu beschreiben, was die Jünger damals erlebt haben:
Jesus tritt einfach unter die versammelte Jüngerschar, zeigt die Wundmale an seinen Händen und Füßen, fordert auf, ihn anzufassen, sein Fleisch, seine Knochen zu spüren. Er tut das, um die Angst zu vertreiben, er sei ein Geist oder Gespenst.
Dass er dann auch noch gebratenen Fisch isst, finde ich den Gipfel. Ist das nicht übertrieben? Anstößig? – Aber in Emmaus hatte Jesus ja auch das Brot geteilt. Nur zum Es-sen kam es dort nicht mehr, weil er im selben Augenblick vor den Jüngern verschwunden war. Und das wird jetzt hier nachgeholt – unter noch mehr Zeuginnen und Zeugen.
Passt das zu der Tragweite des Geschehens – da kommt einer, den alle sterben sahen. – Und dann isst er gebratenen Fisch?

Warum ist Ostern so schwer zu fassen? Warum reichen die Worte in den Evangelien einfach nicht aus, uns Ostern greifbarer zu machen? Warum haben wir nicht mehr als ?
Ich fürchte, wir sollen nicht mehr als das haben. Denn hätten wir mehr, dann wäre Ostern kein Gegenstand des Glaubens mehr, sondern dann wäre Ostern ein Faktum, eine Tatsache.

Und das wäre gegen das Prinzip unseres Gottes.
Gott gibt uns keine beweisbaren Wahrheiten, weil er weiß, dass wir damit nur Schaden anrichten würden.
Gott gibt uns keine unumstößlichen Fakten und Beweise an die Hand, die wir dann allen Nichtchristen um die Oh-ren hauen könnten. Gott kennt uns so genau, dass er weiß, dass so eine Art Mission gewöhnlich zu Blutbädern führt, zu Verfolgung Andersgläubiger, zu Pogromen. – So aber können wir nur einladen und werben für den Glauben – und vorleben, was wir denken, was gemeint ist.
Gott will geglaubt werden! – Er sucht unsere freie Zustimmung, das Zutrauen seiner Geschöpfe. Er will unsere Herzen haben. Denn allein mit unserem Hirn würden wir die Welt zugrunde richten in seinem Namen. Deshalb braucht er unsere Herzen, unsere Begeisterung, unsere Leidenschaft. – Er will, dass unsere Münder übergehen von dem, wovon unser Herz voll ist. Deshalb bleibt Ostern ein Geheimnis. Deshalb kann man Christus nur im Glauben annehmen. Aber das geht nicht erst uns heute so. Das spüren wir an der Unbeholfenheit der Worte der Evangelisten, wenn sie von Begegnungen mit dem Aufer-standenen berichten wollen.

Literatur und Kunst sind ja manchmal bessere Wege, die Bibel zu begreifen und zu erfassen als unser rationales Denken. Deshalb möchte ich uns zum Schluss ein kleines Stück aus meinem Lieblings-Jesusroman, aus Luise Rinsers „Mirjam“ vorlesen.
Maria Magdalena, die im Buch Mirjam heißt, erzählt. Die Jüngerinnen und Jünger Jesu machen sich auf nach Galiläa, wohin der Auferstandene sie gerufen hat (S. 293):

„Am nächsten Morgen brachen wir auf. Jede Gruppe wählte einen anderen Weg. Wir waren unauffällig: heimkehrende Pilger. Ich ging mit Schulamit, Thomas und Jochanan.
Natürlich sprachen wir, wenn kein fremdes Ohr nahe war, über das, was wir erlebt hatten, und wir versuchten, das Unbegreifliche ein wenig handlicher zu machen. Wir ver-glichen unsere Erfahrungen, die wir mit dem aus dem Totenreich Zurückgekehrten gemacht hatten, wir zogen unsre Wahrnehmungen in Zweifel, wir erwogen die Möglich-keit der Sinnestäuschung und kamen doch immer wieder auf den einen festen Punkt: Wir haben ihn erlebt. Auf jeden Fall: Er lebt. Ob gesehen oder gehört, das war eine Frage für sich. Haben wir ihn in uns gesehen oder außerhalb unser? Haben wir sein Bild in uns nach außen verlegt, sozusagen? Oder war er tatsächlich eine Wirklichkeit außer uns? Haben wir ihn als ein Außer-Uns sehen können, weil er ein In-Uns war?
So redeten wir und begriffen nichts, und Schulamit sagte: So hört doch endlich auf, was zermartert ihr euch den Kopf, ist es denn so wichtig, wie das war, ist nicht viel wichtiger und einzig wichtig, wie unsre Sache jetzt weitergehen soll ohne ihn.
Ja eben, das ist unsre Frage: Werden wir denn ohne ihn sein?“

Luise Rinser löst das Problem, die Auferstehung zu denken mit der Sicht einer Frau. Es geht doch gar nicht um das WIE, denn es geht ja um eine Sache, die Sache Jesu!
Die Sache Jesu ging weiter, bis auf unsere heutige Zeit. Und die Kirche, sie war niemals ohne den Auferstandenen. Denn wir sind auf seinen Tod ins Leben getauft. Und wir erfahren seine Nähe in Mahl und Gemeinschaft. Und wir glauben, dass er in unserer Vielfalt lebt. Und wir folgen ihm mit unserem Leben.