Gottes Versprechen

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Predigt über Jesaja 66,10-14 am Sonntag Lätare, 15.03.2026
von Pfr. Dr. theol. Stefan Bauer, Landau

Jesaja 66,10-14
10 Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid. 11 Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust. 12 Denn so spricht der Herr: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien euch liebkosen. 13 Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden. 14 Ihr werdet’s sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras. Dann wird man erkennen die Hand des Herrn an seinen Knechten und den Zorn an seinen Feinden.

Liebe Gemeinde! Freuet euch mit Jerusalem!
Das fällt schwer, wenn in Israel iranische Raketen ein­schlagen. Wenn Menschen in Teheran, in Beirut, in den Golfstaaten den Tod vom Himmel fallen sehen.
Wenn die Sirenen heulen. Als meine Frau und ich am vergangenen Sonntag auf der Heimfahrt den Meteoriten über den Himmel sprühen sahen, war auch mein erster Gedanke: Rakete!
Also was kann damit gemeint sein – Freuet euch mit Je­rusalem? Auch die Israeliten, die damals endlich aus dem Exil in Babylon zu­rückkehren durften, waren weit davon entfernt, jetzt in Frieden und Wohlstand in der heiligen Stadt zu leben. Sie mussten sich den Persern unterwerfen. Eine der Weltmächte, die Freiheit und gutes Leben ein­schränken.
War der Traum von Freiheit nur ein historisches Zwischen­spiel? Ist es so, dass die Urenkel schon vergessen, wel­ches Elend aus Krieg und Verfolgung und Unter­drückung kommen?
Wie kann man sich dann über seine Stadt freuen, wenn doch die Entbehrungen groß sind, wenn es noch so viel aufzubauen gibt – und man eigentlich nicht weiß, wie lange das, was man baut besteht – in Gaza, in Charkiw…
Dieses Bild – des Gesäugt-, des Gestilltwerdens an der Brust der Mutter Jerusalem, dieses Bild des Getröstet­werdens, wie auf dem Arm der Mutter.
Wo doch alles so trostlos ist ringsumher.

Und ich begreife: Der Strom muss erst noch fließen, der Bach muss erst noch zum Strom werden. Das ist al­les im Futur gesagt: Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien euch liebkosen. (…) Ihr werdet’s sehen und euer Herz wird sich freuen.
Die Ernüchterung steht im letzten Teil der Aufzählung: Und euer Gebein soll grünen wie Gras.
Das wird alles in einer für die Menschen damals uner­reichbaren Zukunft sein. Dann, wenn ihr Gebein schon in der Erde liegt. Dann erst wird es sein, dass sie grünen.

Könnte das, so ein fernes, zukünftiges Heil, uns Heutigen überhaupt noch ein Trost sein? Würde das noch jemand für das Heute inspirieren, was doch erst nach unserem irdischen Leben passiert? Spielt für uns das „Nach uns“ noch eine Geige? Was hab ich davon, wenn meine Gebeine grünen?

Liebe Gemeinde, an diesem Text eines alten Prophe­ten – oder auch in den Worten eines alten Evangelis­ten, in den alten, den heiligen Schriften erfahren wir von dem Heil, das Gott für seine Erde, für sein Volk, für seine Menschen will.
Aber es ist eingebettet in dieses erstaunliche Auffalten des Glaubens – das Auffalten in JETZT und in DANN. Das macht die Kraft unseres Glaubens aus, das Bestehende, Ernüchternde zu transzendieren – ob es der Glaube an die Auferstehung ist, an eine Geborgenheit, an eine Hei­mat, in die wir gehen, wenn wir diese Zeit verlassen.
Oder ob es, wie Jahrhunderte vorher, die Vision des Pro­pheten ist: Die Vision von der nährenden, tröstenden, bergenden Mutterstadt.

Wir leben in zwei Welten zugleich. In dem was IST und in dem, was Gott SCHAFFT.
Das spielt keine große Rolle, wenn man in Verhältnissen wie unseren lebt: Wenn das tägliche Leben schon so viel Paradiesisches ermöglicht: Kunst- und Kulturgenuss, freie Meinungsäußerung, das Bauen am eigenen Wohlstand.
Sicher, all das bewahrt auch uns letztlich nicht vor Krank­heit, vor Schicksalsschlägen, vor dem Altern. Aber, wer auf der Erde unserer Zeit so leben kann, wie wir, der und die muss nicht mal von der Sonnenseite in den Schatten blicken. Das ist ja sowieso so schwierig, dort im Schatten überhaupt Umrisse zu erkennen. Es ist anstrengend, sich immer über das Leid zu informieren, das in den weni­ger sonnigen Gesellschaften und Weltgegenden unserer Tage herrscht. Leid, das dort Alltag ist.
Wer sich lange in dieser Sonne sonnt, dem wird die eigene Frei­heit vom Leid zum Anspruch – ich doch nicht!

Aber die Israeliten damals – nach Generationen in der Fremde, für die war schon das in Trümmern lie­gende Jerusalem wie ein Versprechen. Und das spricht der Prophet aus: Das Versprechen der Liebe Gottes. Das ist immer da!

Und ich denke mir, wie dieses Versprechen der Liebe Gottes Jesus die Kraft gab, die Verachtung, den Spott, die Schläge und den bevorstehenden bitteren Tod auszuhalten – wo das doch menschlich gar nicht auszuhalten ist.
Unser Herr, Jesus Christus, in der Nacht da er verraten ward – da begann der Weg des Schmerzes. Die Freunde loslassen müssen; nichts mehr sagen und geben zu können, als nur noch sich selbst; die Liebe zum Vater so bis zum Äußersten auf die Pro­be gestellt zu bekommen. Ob sich da die Welt noch aufgefaltet hat für Jesus? In das Ersichtliche, Bedrückende HIER und in das ber­gende tröstende DORT? War ihm das DORT, das DANN noch vor Augen? – Ich glaube, es war das, was ihm ganz zuletzt vor Augen war. Als der Schmerz schon in dumpfe Taubheit, in stumpfe Todeserwar­tung geglitten war.

Vielleicht war danach auch das Versprechen der Liebe Gottes in ihm erloschen – wundern würde es mich nicht. Dieses Versprechen muss dann ja, wenn unsere Kraft geschwunden ist, von ihm, von Gott, eingelöst werden.
Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tra­gen und auf den Knien euch liebkosen. (…) Ihr werdet’s sehen und euer Herz wird sich freuen.

Nein, das Jerusalem, in das die Exilierten zurückkehren durften, das war keine prächtige Stadt – der Königspa­last stand leer, der Tempel ruiniert. – Mancher wäre viel­leicht doch gern wieder an die Wasser von Babylon zu­rückgekehrt. Denn der Mensch vergisst schnell.

Psalm 137
An den Flüssen von Babylon saßen wir und weinten, wenn wir an die Stadt Zion (an Jerusalem) dachten. Unsere Zithern hängten wir dort an die Bäume.
Die uns verschleppt hatten, forderten, dass wir Lieder sin­gen, ja, die uns quälten, verlangten von uns fröhliche Musik: »Singt für uns Lieder aus Zion!«
Wie könnten wir die Lieder des HERRN singen auf frem­der Erde?
Wenn ich dich je vergessen sollte, Jerusalem, dann soll meine rechte Hand verdorren!
Meine Zunge soll an meinem Gaumen festkleben, wenn ich nicht mehr an dich denke, wenn ich mich über Jeru­salem nicht viel mehr freue als über alles andere!

Jetzt standen sie mit ihren Harfen und Zithern vor dem Steinhaufen, der einmal Jerusalem war. Und ein Prophet schrieb ihnen ins Stammbuch, dass Gottes Liebe … sie nicht vergessen hat – keinen einzigen Moment lang.
Und das Versprechen der Liebe Gottes machte ihnen Mut für den Neuanfang.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.