Römer 5 – Ein Teppich aus froher Poesie

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Predigt über Römer 5,1-5 von Pfr. Dr. theol. Stefan Bauer, veröffentlicht in den Pastoralblättern, April 2026, in variierter Form gehalten am Sonntag, 1. März 2026, Matthäuskirche Landau

Liebe Gemeinde,

heute haben wir es mit Poesie zu tun. Erinnern Sie sich noch an Gedichtanalysen in der Schulzeit? Dieses Handwerkszeug wird heute gebraucht. Mit seiner Hilfe möchte ich heute an diesen Textabschnitt des Römerbriefs herangehen. Wir dürfen damit rechnen, dass Paulus mit den Psalmen und der hebräischen Poesie innigst vertraut war. Könnte seinem auf uns oft kompliziert wirkenden Sprachstil Poesie zugrundeliegen? Und falls ja: Ist Poesie nicht der angemessene Sprachstil, wenn es um Gott geht?

Macht man sich ihre Strukturen bewusst, dann lassen sich poetische Texte mit ihrem Versmaß, Reimschema und ihren Lautabfolgen auch mit Textilien vergleichen. Zum Beispiel mit einem kunstvollen Gewebe, in das Muster, Symmetrien und Farbakzente eingewoben wurden. Lassen Sie uns also versuchen, Paulus einmal nicht als den abgehobenen Intellektuellen zu lesen, sondern als Poesie-Weber, als Weber-Poeten. Schließlich hatte er das Handwerk des Zeltmachers gelernt und ausgeübt und ist mit Textilien umgegangen. Womöglich gehörte ja das Weben einer Zeltwand zu seinen Fertigkeiten?

Auf dem Blatt, das Sie bekommen haben, habe ich versucht, das poetische Gewebe dieser Sprachkomposition aus Römer 5 sichtbar zu machen. In den Farben eines Orient-Teppichs sähe es natürlich viel schöner aus. Ich konnte nicht künstlerisch Strukturen weben, sondern nur mit Hilfe der Textverarbeitung am Computer Hervorhebungen der einzelnen Wortgruppen machen. – Bitte schauen Sie einen Moment über das Blatt. Und dann lade ich Sie ein, die einzelnen Wortgruppen entlangzugehen.

Ich beginne in der roten, heißen Mitte des Gewebes: Paulus möchte die damals noch kleinen Hausgemeinden Roms stärken in der Bedrängnis. Da war vor allem die Bedrängnis, eine Minderheit zu sein. Eigentlich sind auch unsere Gemeinden heute wieder in einer solchen Diaspora-Situation. Weniger als die Hälfte der Menschen in Deutschland gehören noch einer der beiden großen Kirchen an. Viele fühlen sich noch selbstverständlich als Glied einer Volkskirche. Dass so wenige sonntags am Gottesdienst teilnehmen, das ist bei unseren Protestanten nichts Ungewöhnliches. Ich habe in französischen Diasporagemeinden mit zum Teil nur 200 Familien vollere Gottesdienste erlebt. Diaspora stärkt die Bindung untereinander. In Pasulus Worten: Bedrängnis führt zur Bewährung.

Die Bedrängnis, in der Paulus stärken will, das ist für die Christen in Rom aber auch die Gefahr durch Verfolgung. Auch wir heutigen Gemeinden begegnen in unserer Lebenszeit einer moralischen und für manche Kirchen auch gewaltvollen Bedrängnis. Wir sehen den Hunger, wir sehen die Kriege, wir sehen die Ungerechtigkeit, wir sehen die oft sozial grundierten religiösen Konflikte. Wir sehen sie oder wir erleben sie. Wir können die meisten Bedrängnisse nicht unmittelbar verhindern, sondern sind ihnen zunächst einmal ausgesetzt. Aber unser Umgang damit zählt: Im Verzicht auf Gegengewalt bewähren wir uns. Darum geht es Paulus hier, um Stärkung in Bedrängnis, um das Einüben einer christlichen Haltung im Konfliktfall. Der Christ plant keinen Gegenschlag. Die Christin gibt sich keinen Vernichtungsfantasien hin. Christen bewähren sich im gewaltfreien Widerstehen. Was gibt da Halt? Woher kommt die Kraft?

Paulus beginnt bei den Grundlagen, bei dem dreieinigen Gott: Wir leben weder im leeren Raum noch im Chaosreich des Schicksals, sondern im Koordinatensystem von Vater, Sohn und heilger Geistkraft. Dieser Rahmen ist über uns und um uns her aufgespannt und gibt in allem Erleben, in Leid und in Freude, sicheren Halt. Dieser Rahmen ist auch der geistliche Kompass des Paulus: Gott in seiner Herrlichkeit offenbart sich in der radikalen Menschenliebe und Hingabe Christi und in der bewegenden Kraft des heiligen Geistes.

Matthias Sellmann leitet von den Dreien seine christliche Tugendlehre für unsere Zeit ab:
von Gott die Physis – „immer weniger wegrennen müssen“,
von Christus die Kenosis – „immer mehr aus sich herauskommen“
und vom Geist die Dynamis – „immer mehr Kraft von außen aufnehmen“.
So lautet Sellmanns Kurzformel des christlichen Glaubens.[1]
Das kann man als direkte Umsetzung von Römer 5 lesen: in Bedrängnis nicht mehr weglaufen, sondern mutig aus sich herauskommen, weil die Kraft dafür von oben kommt. Das beschreibt für mich ganz gut einen christlich geprägten zivilen Ungehorsam gegenüber jeder Form von Gewalt. Gott in seiner Herrlichkeit, der Friede in Christus und die Wirkung des heiligen Geistes auf die Herzen, das sind die goldenen Fäden im poetischen Gewebe des Paulus.

Die nächste Farbe, die Paulus einwebt, das ist der Grundton von Glaube, Hoffnung und Liebe: Der zweite starke Dreiklang des Paulus, den wir aus dem 1. Korintherbrief kennen. Wir wissen, die Hoffnung, das ist unser Anker im Himmel. Sie speist sich daraus, dass Gott seine Herrlichkeit verheißen hat und geben wird. Sie trägt durch die Bedrängnisse und ist die Frucht von Geduld und Bewährung. Sie ist der Blick zum weiten, lichten Horizont einer höheren Geborgenheit, die sich schon in der Bedrängnis des Alltagslebens auswirkt.

Christus ist es, der uns die Tür zum Glauben allein aus Gnade, sola gratia, geöffnet hat. Er steht nicht, wie auf den pietistischen Bildchen klopfend vor unserer Tür. Es ist auch gar nicht nicht unsere Tür, sondern seine Tür – er IST der Zugang, die Tür. Geht sie auf, entsteht ein unwiderstehlicher Luftzug, der uns einsaugt.

Und die Liebe – wo sie ist, da hat der Geist schon gewirkt. Der heilige Geist wurde uns geschenkt, weil er die Aufgabe hat, die Liebe in unsere Herzen zu gießen – also in all unser Wollen und Streben. Wir wissen, das tut er, indem er uns das Evangelium offenbart und die Schrift als Gottes Wort für uns aufschließt. Und er tut es mit Vorliebe aus unserer Gemeinschaft heraus durch die Mischung und die Vielfalt der Gaben, die er uns zum Aufbau unseres menschlichen Miteinanders geschenkt hat.

Aus der Herrlichkeit Gottes heraus fließen Gnade und Frieden in die Herzen. Mitten in der Bedrängnis sind Gnade und Frieden mit Gott wie eine wärmende Decke, die man um sich legen kann: Wer im Frieden mit Gott ist, der ist auch im Frieden mit sich und der Welt. Dieser Zustand ist kein Traum. Immer wieder gab und gibt es Menschen, die so leben, im Vertrauen, zutiefst geborgen zu sein, im Wissen, gesehen und geliebt zu werden, in der begründeten Zuversicht, dass Gutes zum Guten hilft, und kein Grund besteht für die letzte Verzweiflung.

Paulus macht die Gnade sichtbar, von der allein her der Glaube entsteht. Also, wo Glaube ist, da ist Gnade zuteilgeworden. Leben aus Gnade im Lichtkegel von Gottes Herrlichkeit, die immer überfließt, überströmt, überglänzt.

Wenn wir jetzt in Gedanken das Wortgewebe des Paulus aufnehmen und mit etwas Abstand betrachten, dann erkennen wir, dass der Apostel sein Anliegen, in heißer Bedrängnis zu stärken, mit den wunderschön hellen Farben des Glaubens in bewegten Mustern umrahmt hat. Und dieser zentrale Kontrast seines Gedicht-Gewebes ist eingespannt in den weiten Webrahmen zwischen „Gerecht geworden“ und „Zuschanden werden“. Hier zeigt Paulus noch einmal, worum es grundsätzlich geht. Um gelingendes Leben oder gescheitertes Leben. Um Leben aus der Gnade, aus dem Gerechtfertigt-Sein oder um Leben, das im Andrang des Banalen der Bedrängnis nachgibt und sich verliert.

Dabei wird ja fast nichts von uns verlangt. Die kleinen Blumen, die in den Webstoff eingewirkt sind, blühen einfach von selbst. Es sind die Verben, die Paulus verwendet: Es ist alles gegeben oder wird gegeben werden. Wir haben schon, es gibt Zugang, wir stehen schon mitten drin und es ist längst ausgegossen, was gebraucht wird. Zur Seligkeit ist schon alles längst bereitet. Und das Bedrängende wird von Gott her zum Hilfsmittel, das zur Geduld führt und über die Geduld zur Bewährung und über die Bewährung zur Hoffnung – ich denke an eine Reihe Dominosteine, sie fallen unhaufhaltsam der Reihe nach um. Das Eine bringt das Andere mit sich, und das pflanzt sich fort bis in Gottes Herrlichkeit.

Aber der Glaube der Gerechtfertigten ist kein reines Passiv, sondern mündet in Aktivität: Rühmen und nochmal Rühmen!

Wobei das griechische Wort für Rühmen (καυχάομαι) einen Jubel meint, der mit hoch erhobenem Kopf auf den Stimmbändern geformt wird, so dass aus voller Kehle in mittlerer Stimmlage der Ton erklingt, in dem wir mit uns identisch sind, der uns entspricht, in dem wir echt sind.
Sogar von doppeltem Rühmen spricht Paulus: Den Kopf in die Höhe geworfen, weil Gottes Herrlichkeit begeistert; den Kopf in die Höhe geworfen, weil uns die Bedrängnis nicht klein macht. Sie trainiert ja vielmehr unsere Geduld und ist dadurch der Weg zu unserer Bewährung in allem, was anficht und angreift.

Liebe Gemeinde, Paulus, der Zeltmacher, hat ein herrliches Gewebe geschaffen. Die Farben leuchten, die Muster machen Sinn. Alles, was den Glauben ausmacht ist hineingewoben. Das Ganze gibt einen Teppich, auf dem man gehen, stehen und sitzen kann, eine Decke, die wärmt und schützt und dabei noch schön aussieht. Dieses Textil ist ein Klassiker, der zu jeder Mode passt, ein Basic für jeden Kleiderschrank. In seiner Pracht ist es Haute Couture, in seiner Strapazierfähigkeit ist es Casual Wear. Wir tragen es alle.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.


[1] Matthias Sellmann, Geistliche Klugheit als Lebenskompetenz, Würzburg 2023