Von Resonanzen und möglichen Nebenwirkungen

Predigt von Pfr. Dr. theol. Stefan Bauer, 02.08.2026, Matthäuskirche Landau

Jeremia 1,4-10
4 Und des HERRN Wort geschah zu mir: 5 Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker. 6 Ich aber sprach: Ach, Herr HERR, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung. 7 Der HERR sprach aber zu mir: Sage nicht: »Ich bin zu jung«, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete. 8 Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der HERR. 9 Und der HERR streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund. 10 Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen.

Liebe Gemeinde,
der Soziologe Hartmut Rosa schreibt in seinen Büchern über Resonanzerfahrungen. Das sind Erfahrungen, die uns in Schwingungen versetzen, bewegende, verän­dernde, manchmal umstürzende Erfahrungen. Hat schon mal jemand so etwas erlebt?
Der Klassiker ist der Moment, in dem man schockver­liebt ist. – So ein Moment kann Lebenswege verän­dern. Das gilt vielleicht auch für Erlebnisse am ande­ren Ende der Skala: Wenn sich jemand von mir trennt, Schluss macht. Oder, wenn sehr gute Freunde wegzie­hen und man sein Leben irgendwie neu aufsetzen muss. Wenn ich von Entwicklungen oder Ereignissen herausgefordert bin.

Resonanzerfahrungen. – Dass wir miteinander, mit unserer Umwelt, ja selbst mit Vergangenheit und Zukunft in so in Berührung kom­men, dass wir daraus verändert hervorgehen. Ich zitie­re: „Wann immer wir in Resonanz zu einem Menschen, einem Buch, einer Musik, einer Landschaft, einer Idee, einem Stück Holz treten, verwandeln wir uns in der (Begegnung) und durch die Begegnung.“
Und diese Verwandlung kann ein bloßer Stimmungs­wechsel sein, bis dahin, dass wir sagen: Das hat uns jetzt zu einem anderen Menschen gemacht.
Hartmut Rosa hält dabei große Stücke auf die Religi­on. Kirchen z.B., sagt er, seien als Räume genau dafür geschaffen, zu unserer Welt auf andere Art in Reso­nanz zu treten, wie wir es gewöhnlich tun. Normaler­weise, sagt Rosa, wollen wir die Welt, ja oft sogar die Menschen um uns, verwerten. Das ist ja im Grunde der Kern unserer westlichen Kultur, dass wir aus allem sicht­bare Werte machen wollen. Alles soll immer mehr wer­den, alles soll noch mehr wachsen. Unser System ist ein gigantisches Steigerungsspiel: Solange wir Mittel haben, setzen wir sie dafür ein, noch mehr Mittel zu generieren, Dinge oder exklusive Erlebnisse, die wir konsumieren oder für uns verfügbar machen.
In religiösen Räumen besteht jetzt aber die Möglich­keit, anders mit der Welt in Kontakt zu treten und da­durch in eine Resonanz zu kommen.

Hier läuft die Zeit anders, Jahreszeiten sind nicht nur Jahreszeiten, sondern sie sind mit heilsamen Geschich­ten, wie Weihnachten und Ostern verbunden. Kirchli­che Räume und auch die Zeit heute Morgen können wir nicht verwerten für uns. Sie bringen uns keinen zählbaren oder messbaren Zuwachs. Aber sie sind ge­füllt mit Möglichkeiten, in Resonanz zu treten.
Hier kann man, so Rosa, erfahren, dass „am Grund meiner Existenz nicht das schweigende, kalte, feindli­che oder gleichgültige Universum liegt, sondern eine Antwortbeziehung.“ Wenn es von Gott heißt: Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein. Und wenn es heißt, dass Gott dem Menschen den Lebensatem eingehaucht hat, dann sind genau das Bilder für diese Resonanzbe­ziehung. Ich bete, ich singe, ich komme an diesem anderen Ort hier mit anderen Menschen zusammen und ich trete in Reosnanz mit etwas, das mich umfängt, von oben, von unten, von alters her und in Zukunft. So ist das Ideal. So, schreibt Hartmut Rosa, kann es ge­schehen in der Religion und in ihren Räumen und bei ihren Übungen. – ABER, jetzt kommt das große ABER: Die Resonanz stellt sich nicht automatisch ein. Wir kön­nen sie nicht erzeugen. Sie ist unverfügbar!
Wenn es anders wäre, wenn es eine Art Resonanzga­rantie gäbe in der Kirche, dann wäre wahrscheinlich kein Platz mehr frei heute Morgen. Die Resonanzerfahrung ist unverfügbar …

Und an der Stelle begegnen wir jetzt dem Jeremia.
In diesem 1. Kapitel des nach ihm benannten Buches erfahren wir: Er kennt sich aus mit Religion. Er stammt aus einem Priesergeschlecht , aus dem Hause Hilkijas aus der Stadt Anatot im Gebiet des Stammes Benja­min.
Jeremia mag auch gerade bei seiner Religionsaus­übung gewesen sein. Vielleicht hat er gebetet oder Psalmen rezitiert. – Und da erfährt er auf einmal diese Resonanz: „Der Herrn Wort geschah zu mir.“ – das war nicht nur gesprochenes Wort, das war ein Wort-Ereig­nis, ein Umgekrempeltwerden, ein Anlegen eines völ­lig neuen Lebenskurses.
Jeremia mag religiös gestimmt gewesen sein. Aber ich wette, damit hatte er nicht gerechnet. Er bekommt eine Aufgabe, die ihn von da an beanspruchte. Das Wort geschah immer wieder an ihm – und er verspürte diesen inneren Drang, es an den Mann und an die Frau und an die Könige und die Völker seiner Zeit brin­gen. Er war zum Propheten berufen.
Darüber können wir im Verlauf seines Buches noch manche Klage hören. Denn es ist keine schöne Auf­gabe, z.B. herannahende Umbrüche zu verkünden und Herrscherkritik zu üben.

Halten wir fest: Religion, so wie wir sie heute Morgen miteinander praktizieren, birgt eine ganz gute Chan­ce, in eine Resonanzerfahrung zu geraten, also in eine Erfahrung, die mich verändert. – Der Anstoß, der mich dabei wirklich erschüttern und bewegen kann, der kommt aber überraschend. Denn er ist unverfügbar.

Ein Zeitsprung ins Heute: Überraschend und unverfüg­bar – beide Worte empfinde ich als treffend für die Si­tuation, die wir gerade hier an der Matthäuskirche er­leben.
Die Gemeinde war doch immer da. Es hat doch im­mer eine Pfarrerin oder einen Pfarrer für uns gegeben. Es war doch immer alles wie gewohnt – und jetzt än­dert sich so viel.
Wir sind erschüttert und berührt. Anders als bei Jere­mia ist bei uns der Reflex da, im Stillen zu hoffen: Es wird schon nicht so schlimm werden. Es trifft uns aber von außen, von oben, von allen Sei­ten: Ein typischer Fall für eine Resonanzerfahrung.

Denn so eine heftige Änderung der Rahmenbedin­gungen führt dazu, dass Menschen den Druck verspü­ren, zu reagieren. Dass sie sich persönlich ge­fragt sehen und sich schließlich ganz neu aufstellen. Im Presbyterium haben wir schon beraten über das mögliche neue Gesicht der Gemeinde an der Mat­thäuskirche. Außerdem haben sich Leute ein paar Mal am Zukunfts-Stammtisch getroffen. Ansonsten habe ich immer wieder herumgefragt, wer dabei ist – und andere haben sicher auch gesprochen und gefragt. Ich habe heute mal eine Übersicht mitgebracht, wie weit wir bisher gekommen sind, wie es in der und um die Matthäuskirche in Zukunft sein könnte. Und das ist eine Liste mit Namen. Da stehen die Namen von Men­schen, die gesagt haben: Ich lasse mich bewegen, ich verändere was, ich gehe in Verantwortung – für ei­nen überschaubaren Bereich, den ich selbst bestim­me.

Ich möchte das vergleichen mit Jeremia: Das Wort geschah zu mir! – Da ist der Anstoß durch die äußeren Änderungen. Da ist ein Moment, in dem es gilt. Und da sind Menschen, die sind in Resonanz getreten zu diesem Anstoß. Und daraus wächst vielleicht etwas Gutes, eine Veränderung, wie sie jetzt gebraucht wird. Die Zettel liegen hinten auf dem Tisch – ich habe mal 20 ausgedruckt.

Aber wie kommt es, wie kann etwas, was eine Kir­chengemeinde betrifft bei manchen so unter die Haut gehen? Diese Frage muss man ja beantworten. Man könnte ja auch runter in die Stiftskirche gehen. Was macht eine Gemeinde so wichtig, dass man aktiv wird?

Ich nenne mal zwei Punkte:
Eine christliche Gemeinde ist eine Wassergemein­schaft. Dafür ist die Taufe auch das beste Symbol. Wenn ich sage, wir sind eine Wassergemeinschaft, dann denke ich an den landläufigen Spruch: „Blut ist dicker als Wasser!“ Den übersetze ich mal mit: Die Familie geht immer vor.
In einer Kirchengemeinde sind wir nicht verwandt, aber wir sind uns trotzdem verbunden. Ich möchte den Satz jetzt nicht umdrehen und sagen: „Wasser ist dicker als Blut.“ Zuerst die Gemeinschaft der Getauf­ten. – Ich möchte nur sagen, die Gemeinde bringt noch etwas Anderes ins Leben als die Sorge um die Familie. Da gibt es noch mehr Menschen, die der Sor­ge wert sind und die sich um mich sorgen. Das verviel­fältigt die Resonanzmöglichkeiten.
Jesus hat das vorgelebt, dass ihm Menschen auf sei­nem Weg auch wichtig waren, dass er noch andere Brüder und Schwestern kannte, als seine Verwandten. Kirchengemeinde ist eine Wassergemeinschaft.

Mein zweiter Punkt: Kirchengemeinde ist eine Rock-Gemeinschaft. Und da beziehe ich mich auf den an­deren tief eingefleischten Satz: „Das Hemd ist näher als der Rock!“ Der eigene Vorteil steht immer an erster Stelle!
In der christlichen Gemeinschaft sind Erfahrungen möglich, dass es eine verschwenderische Freigiebig­keit von Zeit und Ressourcen und Liebe geben kann. Jesus hat zuerst seine heilende Gegenwart und dann sich selbst verschenkt.
Man kann nicht nur wie St. Martin den halben oder wie Franz von Assisi sogar den ganzen Mantel geben. Man kann sogar das Hemd verschenken. Und keiner sollte in seiner Not vergessen sein. Kirchengemeinde ist eine Rock-Gemeinschaft.

Wir sind immer auf dem Weg zur Wassergemeinschaft und zur Rock-Gemeinschaft zu werden. Aber, dass es eine Gemeinde vor Ort gibt, ist die Grundvorausset­zung dafür. Menschen, die nicht zu meinem handver­lesenen Freundeskreis gehören. Gelegenheit mitein­ander in Berührung und in Bewegung zu kommen aus der ungewöhnlichen Begegnung am Sonntagmorgen oder bei einer Gemeinde-Aktivität.

Gemeinde im Namen und im Blick auf Jesus haben das Potential zu dem, was dem Jeremia passiert ist: Des Herrn Wort geschah zu mir. Und das hat starke Re­sonanzen ausgelöst.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.