Migranten – Apostel – Gerufene
Impuls von Pfr. Dr. Stefan Bauer zur Eröffnung der Ausstellung „Welcome the worlds“ mit Bildern von Judith Boy

Als in Syrien der Bürgerkrieg tobte, wir erinnern uns, da kam es zu einem Schub von Willkommens-Kultur in Deutschland. Aus dieser vor allem auch von den Kirchen getragenen Willkommens-Kultur stammen die Plakate bzw. Banner, die Judith Boy übermalt hat.
Heute hören wir Aussagen, wie: In drei Jahren können wir alle Menschen aus Syrien wieder in ihre Heimat bringen. Es klingt oft so, als gäbe es Menschen, die nicht zu uns passen und als könnte man sie einfach wieder ausfegen, wie man ein Zimmer ausfegt. Leider ist inzwischen Vieles öffentlich sagbar geworden. Ein schlimmer Verfall der christlichen Werte, wie ich finde.
Wir haben damals 2017 ein Flüchtlings-Café geöffnet. Ich habe persönlich Wohnungen für Geflüchtete gesucht und die Menschen begleitet, sich an die anderen Gegebenheiten im fremden Land zu gewöhnen. Eltern wurden beraten als es um die Schulaufnahme ihrer Kinder ging. Man hat Familien und Einzelne über Jahre begleitet.
Fast zehn Jahre sind das jetzt – ein Zeitraum, in dem die Kinder groß wurden, in dem die Eltern und Großeltern deutsch gelernt haben, in dem Viele in Arbeit und Berufstätigkeit gefunden haben. Menschen aus Syrien, aus Afghanistan, aus afrikanischen Ländern.
Wir selbst sind Sesshafte. Ich vermute, es ist niemand hier, der oder die seine Heimat verlassen musste. Vielleicht sind manche durch Ausbildung, durch Beruf oder auch durch die Liebe aus ihrer Heimatregion woanders in Deutschland hierher in die Pfalz gekommen.
In manchen Familien gibt es aber tatsächlich, wenn man wenige Generationen zurückblickt, Auswanderung, Flucht oder Vertreibung. Ich habe mal in meiner pfälzischen Familie überlegt. Vor fünf Generationen wanderte mein Urururgroßvater, weil er völlig verarmt war, nach Amerika aus, wo schon zwei seiner Kinder lebten.Fremd in der Fremde. Meine Urgroßväter und dann meine Großväter rückten in Kriege aus, verließen ihre Heimat auf Jahre für zweifelhafte Ziele. Fremd in der Fremde. Keiner meiner Urgroßväter und Großväter kam unverändert zurück. Obwohl in der Pfalz beheimatet hat meine Familie eine Fluchtgeschichte. Mein Großvater war mit seiner Familie als Beamter ins besetzte Polen gegangen. Dort konnte man dann einfach Hausbesitzer sein und in ein polnisches Haus einziehen. Im Januar ’45 nahm meine Oma mit ihren beiden Söhnen den letzten Zug nach Westen. In ihrer pfälzischen Heimat war sie als Frau eines Vermissten mit zwei Kindern nirgends willkommen und hat die Ablehnung der Ansässigen erlebt. Fremd sogar in der eigenen Heimat.
So gehen Familiengeschichten. Die meisten werden bei näherem Nachdenken feststellen, dass sie gar nicht so sesshaft sind, wie es sich anfühlt.
Deutschland war schon immer gut darin, Zugewanderte zu diskriminieren – die Heimatvertriebenen nach dem Krieg, die Spätaussiedler, die, die nach dem Mauerfall in den Westen kamen. Und so kompliziert, wie die Behördenwege Geflüchteten oft gestaltet wurden, mussten viele Menschen immer wieder diskriminierende Erfahrungen machen. Selbst die, die vor 80 Jahren als Gastarbeiter gekommen sind und jetzt in dritter und vierter Generation hier leben, machen noch erniedrigende Erfahrungen.
Die Menschenverachtung, die in unserem Land einmal Programm war, wirft immer noch ihre langen Schatten. Und wir erleben, wie sie wieder etabliert werden soll und bereits salonfähig wird.
Von unserem jüdisch-christlichen Glaubenserbe her dürfte das nicht sein. Denn in den biblischen Zeugnissen spielen Gastrecht und die Würde des Einzelnen die zentrale Rolle!
Woher kommt es, dass in unserer Religion das Gastrecht so einen hohen Stellenwert hat?
Es mag an den Landesverhältnissen liegen. Wer nicht beherbergt wurde, war in Lebensgefahr in einer kargen Natur, mit der Gefahr wilder Tiere und ausgeraubt zu werden.

Vor allem aber haben wir es beim jüdisch-christlichen Glauben damit zu tun, dass unsere zentralen Gewährspersonen Wanderer waren, Migranten, Apostel, Reisende.
Natürlich wäre an Jesus zu denken, der aus seiner galiläischen Heimat als Wanderprediger und Heiler loszog. Er war unterwegs – zwischen den Orten der Heimat, Kapernaum, Bethsaida, mit Abstechern in die benachbarten, nicht-jüdischen Länder und dann mit dem langen Weg nach Jerusalem.
Aber ich möchte uns zwei andere Reisende in Erinnerung rufen, die beide sehr grundlegend für unseren Glauben geworden sind: Abraham und Paulus.
Im jüdischen Glaubensbekenntnis heißt es über Abraham (5 Mose 26): Ein umherirrender Aramäer war mein Vater, und er zog nach Ägypten hinab und hielt sich dort als Fremder auf.
Warum war Abraham ein Heimatloser? Er brach aus seiner Heimat in Chaldäa, irgendwo im heutigen Syrien auf. Waren es die Sterne, die er dort beobachtetedie ihn zu dem Schluss brachten, dass sie keine Götter sind, sondern, dass es nur einen Gott gibt? Abraham galt in der jüdischen Tradition als der erste Monotheist, der erste, der sich von dem einen Gott und Schöpfer ansprechen ließ. – Der jüdische Historiker Josephus stellt es so dar, dass die Menschen seiner Heimat sich gegen Abrahams Ansichten auflehnten und er deshalb aufbrach. Er passte da offenbar nicht mehr in die Gesellschaft seiner Herkunft. Gott hat Abraham gerufen – so sieht es die jüdische Überlieferung. Gott wollte sich aus Liebe ein Volk schaffen, das ihn anbetet. Und Abraham war der erste, der darauf vertraute.
Wenn Abraham durch Gottes Ruf der erste Hebräer, der erste Israelit, der erste Jude wurde, dann muss er zuvor etwas Anderes gewesen sein.
Abraham durchzieht die damalige Welt. Er sucht Schutz und bekommt Asyl, oft ist er mit seiner Frau Sarah bedroht. Er wird selbst niemals das von Gott verheißene Land besitzen. Vielmehr ist sein Leben ein Nomadenleben. Er besitzt kein Land, bis auf die Höhle von Machpelah, die Abraham von einem Hethiterfürsten als Begräbnisort für Sarah kauft.
Abraham wohnt im Land als geduldeter Fremdling. Aber wir kennen die Geschichten über seine Gastfreundschaft, als er zum Beispiel die drei Männer bewirtete, die ihm die Geburt seines Sohnes ankündigen. Im Rückblick erkannte er sie als Gottesboten.
Genau so wie bei Abraham führte auch später bei Paulus der Ruf Gottes dazu, dass er ein Reisender wurde, der immer unter Menschen wohnte, mit denen er nicht verwandt war, immer bei Menschen, die einer anderen Kultur angehörten.
So wie Abraham der Ur-Held ist, der, dem Ruf Gottes folgend, sein altes Leben aufgibt und unter fremden Völkern lebt, die von seiner Weisheit profitieren, so wird auch Paulus durch seine religiöse Erfahrung verwandelt in jemand, der unter fremden Völkern und Kulturen lebt. Und dort unter den Heiden predigt er die Weisheit der Anbetung des einen Gottes in Christus.
Paulus hat seinen Auftrag tatsächlich sogar als Erfüllung der Verheißung an Abraham gesehen. Er lebte mit den Nationen und lehrte sie, genau wie Abraham es tat.
Unsere jüdisch-christliche Religion ehrt also den Fremdling. – Wir sehen, wie die Gründerfiguren, die von Gott Gerufenen Migranten, Reisende, Apostel waren. Wir sehen, wie der Glaube gerade durch diese bewegten und berufenen Fremdlinge zu den Menschen kam.
Wir können es uns von unserem Glauben her nicht leisten, uns abzuschotten und die Fremden unter uns fremd bleiben zu lassen. Von der jüdisch-christlichen Tradition und dem Grundsatz der Menschenrechte her gilt, was in Hebräer 13 steht:
2 Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.
Wer vermeintlich „Fremde“ aussortieren will, vergibt sich der Möglichkeit, zu lernen und schottet sich gegen den Himmel selbst ab.