Karfreitag – nichts beschönigen!

Predigt von Pfr. Dr. Stefan Bauer, Karfreitag 2026, Matthäuskirche Landau
Quelle: facebook, Predigtforum, Beitrag von Stepha Paca
Literatur: Pamela Eisenbaum, Paul was not a Christian – The original message of a misunderstood apostle, New York 2009

2. Korinther 5,14b-17

17 Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden. 18 Aber das alles ist von Gott, der uns mit sich selber versöhnt hat durch Christus und uns das Amt gegeben, das die Versöhnung predigt. 19 Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. 20 So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott! 21 Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.

Liebe Gemeinde, mit dem Karfreitag wird man nie fertig. Schwierig, ihn einzuordnen. Es gibt nicht den einen Schlüsselgedan­ken, der alles erklärt. – Es ist so viel über Jesus theolo­gisch gedacht worden. Man hat sich aufgerieben an seinem Tod. Das Kreuz ist der Skandal schlechthin – das Kreuz, an dem der hängt, den wir Gottes Sohn nennen.

Ich glaube, diese besondere Berührtheit vom Karfreitag kommt daher, weil die Erinnerung an die biblische Geschichte gleich auch zu eigenen Geschichten führt. Karfreitag lässt mich an meine Abschiede denken. An Plätze in meinem Leben, die leer bleiben. Erinnerungen an Menschen, die eine Lücke zurückließen, mit denen ich nicht mehr sprechen und lachen, mit denen ich mich nicht mehr versöhnen und erinnern kann.
Und da schwingen oft Fragen mit: Warum jetzt? Warum so? Warum überhaupt?
Karfreitag steht für diese Fragen und hält sie offen: Die Geschichte von Jesu Tod ist keine ferne, fromme Er­zählung. Sie geht nah und deshalb ist sie schwer auszuhalten. Da wird einer verraten, verlassen, verurteilt, öffentlich gedemütigt, gefoltert und dann hingerichtet. – Einige sind daran beteiligt. Viele sehen zu und schweigen. An­dere spotten noch. Andere sind wie gelähmt vom Schock. Und mittendrin dieser Mensch, der stirbt. Da gibt es nichts zu beschönigen.

Jesu Tod ist kein symbolisches Geschehen. Es ist ein ge­waltsames Ende, wie es unzählige Menschen erlitten und erleiden – damals wie heute. Weil es nie aufhört. Nicht in diesem Leben. Weil Menschen sterben. An Un­fällen, an Krankheiten, im Alter – und eben auch immer wieder verschuldet und unter den Händen von ande­ren Menschen. Weil Menschen einander Leid zufügen, seit es Menschen gibt.

Wir schauen beim Blick auf das Kreuz also nicht auf Fernes, Fremdes, sondern auf etwas, das wir kennen – in anderer Form zwar, aber wir kennen es. Und die Gefühle angesichts dieses Schreckens haben sich seit damals nicht geändert: Schmerz, Verlust, Lähmung und Ohnmacht.

Doch Paulus schreibt einen umwerfenden Satz als Überschrift über dieses Geschehen.
Gott war selbst in Christus am Werk und hat die Heidenwelt mit sich versöhnt. Er hat ihnen ihre Verfehlungen nicht angerechnet und uns den Auftrag gegeben, diese Botschaft zu verkünden. 2 Kor 5,19

Paulus hatte durch seine Vision des Auferstandenen begriffen, dass sich die Zeit zu erfüllen beginnt. Als Anhänger der Pharisäer glaubte er an die Auferstehung und daran, dass Gott sein Reich errichten wird. Die Vision des auferstandenen Christus bedeutete für Paulus seine Beauftragung, als Apostel zu den Heiden zu gehen. Denn es war ja keine Zeit mehr zu verlieren. Während ja Israel, die Juden, in der Torah, im jüdischen Gesetz, ihren Weg hatten und Gott mit ihnen aus Liebe seinen Bund geschlossen hatte, hat sich für die Heiden erst jetzt der Weg zu Gott geöffnet: Erst durch Jesus.
Sicher hat es zur Zeit des Paulus und schon davor viele aus der Heidenwelt gegeben, die von dem Glauben an den einen Gott und Schöpfer und von seinem guten Gesetz, der Torah angezogen fühlten. Es gab die sogenannten Gottesfürchtigen, es gab Griechen und Römer und Orientalen und Nordafrikaner, Menschen aus vielen Nationen, die sich zu den Synagogen hielten, die den Sabbat übten. Aber in den Augen des Paulus, dem der Auferstandene erschienen war, öffnete sich jetzt angesichts des nahen Endes dieser neue Weg:

Wenn es Gottes Ziel war, wie es in den alten Propheten-büchern stand, dass alle Nationen in sein Friedensreich einziehen sollten, dann war für Paulus jetzt der Zeitpunkt da, die große Heidenwelt durch Jesu Botschaft dem einen Gott zuzuführen. Dieser Mission widmete der Aposstel seine ganze Kraft, sein ganzes Leben. Und so wird man Paulus wohl lesen und verstehen müssen in seinen Briefen an die Gemeinden in Korinth oder Galatien oder Rom: Gott war selbst in Christus am Werk und hat die Heidenwelt mit sich versöhnt. Er hat ihnen ihre Abgötterei nicht angerechnet und uns den Auftrag gegeben, diese Botschaft zu verkünden.

Diesen Gott stellte Paulus den christgläubigen Heiden in seinen Gemeinden vor, den nahen Gott: Gott war selbst in Christus, war ein Teil von ihm. Das heißt: Gott bleibt nicht auf Abstand. Er schaut nicht von außen auf das Leid. Er erklärt es nicht aus sicherer Entfernung. Er geht hinein. Er macht es selbst durch in Christus. – Er geht hinein, in das, was wir kaum aushalten, was uns lähmt, was uns den Boden unter den Füßen wegzieht. Für die Menschen, die damals unter dem Kreuz standen, sah es nicht nach Gott aus. Es sah nach Scheitern aus. Nach Gewalt, die wieder einmal gesiegt hat. Nach einem weiteren Leben, das ausgelöscht wird. Und so fühlt sich Trauer bis heute an: Wenn ein Mensch stirbt, dann ist da doch nicht zuerst ein theologischer Gedanke, der uns kommt. – Nach dem Schock ist da das Vermissen. Die Stille, die plötzlich so laut ist. Die Erinnerung, die auf einmal schmerzt, weil es so schön war. Und das Gefühl von Verlassenheit. Nicht nur von dem Menschen, der fehlt, sondern vielleicht auch von Gott. Es gibt Worte dafür im Evangelium. Jesus selbst spricht sie am Kreuz: Mein Gott, warum hast du mich verlassen? – Das ist ein Ruf aus der Tiefe.
Und wenn es überhaupt einen Trost gibt, dann dass gerade darin etwas liegt, das tröstlich sein kann – vorsichtig gesagt, tastend: Dass dieser Ruf im Glauben seinen Platz hat. Dass er nicht falsch ist. Dass er ausgesprochen werden darf.

Wir müssen nicht so tun, als würden wir verstehen, was uns durch den Tod angetan wird. Wir müssen dem schon gar nicht eine religiöse Bedeutung zuschreiben oder gar behaupten, „Gott hat es gefallen“. Nein, Gott wollte das, soweit ich weiß, nur dieses eine Mal. Und da betraf es ihn selbst. Und gefallen hat es ihm gar nicht. Er fühlte sich selbst unendlich verlassen. – Dadurch kam er uns nahe. Wenn Paulus schreibt: Gott war selbst in Christus, dann meint er genau das. Gott ist nicht nur da, wenn wir ihn als Segen spüren. Er ist auch da, wo wir ihn nicht mehr finden: Im Schmerz, in der Angst, im Sterben. Vor allem da! – Nicht als einer, der alles sofort wendet. Sondern als einer, der es mitträgt. Das Kreuz zeigt keinen Gott, der Leid verhindert. Es zeigt einen Gott, der Leid teilt.

Wenn Paulus dann zu den ehemaligen Heiden in Korinth von Versöhnung spricht, wenn er sie geradezu anfleht: Lasst euch versöhnen mit Gott! – dann meint er damit, dass durch Christus all die Abwege, all der Götzendienst, all das Getrenntsein von dem einen Gott jetzt ein Ende finden kann. Jesus hat die Sünde, die Trennung zwischen der Heidenwelt mit ihrem Olymp und dem einen Gott Abrahams und Moses und Jesu aufgehoben. – Es muss nichts mehr zwischen den Menschen und Gott stehen. Gott hat seine Arme geöffnet.

Liebe Gemeinde, wir sind auch auf diesem Weg mit Gott versöhnt. Wir gehören nicht zum Judentum, nicht zum Mose-Bund. Aber wir haben durch Christus zu Gott gefunden. – Und das ist damals geschehen. Paulus hat sein Leben dieser Sache gewidmet, die Botschaft vom Kreuz und von der Auferstehung zu den Völkern zu tragen. – Und er hatte Erfolg.
Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber – hören wir.
Am Tag der Kreuzigung, im direkten Schmerz des Verlustes hatte das noch niemand realisieren können. – Da war erstmal alles vorbei, alle Hoffnung zerstört, alle Liebe nichtig gemacht. Erst danach wurde deutlich: Gott hat sein größtes Entgegenkommen verwirklicht. Er ist als Mensch gestorben.
Für Paulus war dieses Entgegenkommen, die Menschwerdung Gottes in Christus, die entscheidende Botschaft: So groß ist Gottes Liebe – nicht nur für sein geliebtes Volk Israel, das Volk seines Bundes, sondern auch zu denen aus den Nationen. Für sie, für uns insbesondere hat Christus die Versöhnung gebracht.

Aber wenn bei uns die Nacht der Trauer fällt, wenn wir loslassen müssen, was wir lieben und dann auch einmal das Leben selbst, – dann werden wir genau dort Gott finden – als den, der auch im Leid bei uns und in uns ist – aus seiner großen Liebe.

Amen.